Das Abenteuer der Innenschau

Dr. Joachim Göhl
Einführung
Mit der Visionssuche ist eine abenteuerliche und den Stammeskulturen bekannte Reise in eine andere Wirklichkeit verbunden. Wir geben in der Vorbereitung altes Wissens an Sie weiter. Mit dessen Hilfe können Sie in der anderen Wirklichkeit Erkenntnisse zu Ihren existentiellen Bedürfnissen finden und sich neu orientieren. In diesem Kapitel sollen die andere Wirklichkeit sowie einige grundlegende Aspekte dieser Reise beschrieben werden.
Rationale Wirklichkeit und andere Wirklichkeit
Menschen erfahren eine Wirklichkeit, die in zwei zueinander gegensätzliche Wirklichkeiten eingeteilt werden kann:
1. Die rationale Wirklichkeit. Sie umfaßt das rational Erfaß-     bare, also den Bereich der "Dinge", den wir auch wissen-     schaftlich erkennen können. Hier geht es um meßbare Tat-     sachen wie beispielsweise die Breite oder das Volumen     des hier abgebildeten Steins (s. Abb.1).
2. Die "andere Wirklichkeit". Sie umfaßt schwer Greifbares     und Nachweisbares, beispielsweise das, was Sie bei der     Ansicht des Steins in Abb. 1 empfinden. In die andere     Wirklichkeit gehört auch das, was wir mit Worten wie Lie-
    be, Schönheit, Vertrauen oder Geborgenheit symbolisie-
    ren. Ihr zugeordnet werden können auch leichte Trance-
    zustände, in die Sie vielleicht über Musik, durch verliebtes     Tagträumen, oder wenn Sie reglos aus dem Zugfenster     schauen, gelangen. Auch das Empfinden, wenn Sie an dem     Ort sind, an dem Sie eine "große Liebe" zum ersten Mal     geküßt haben, gehört in den Bereich der anderen Wirklich-     keit. Im Gegensatz zur alltäglichen Wirklichkeit erfahren     Sie hier Mehrdeutigkeit und eine Abhängigkeit von der     Perspektive. Dies können Sie erfahren, wenn Sie sich den     gleichen Stein anschauen, nachdem er um 180° gedreht     wurde (s. Abb. 2)

"Die Wirklichkeit, die wir unmittelbar erleben, offenbart sich also viel reicher als die Erfahrung, die wir rational zu erfassen und wissenschaftlich zu erkennen versuchen" sagen auch seri-
öse Vertreter der Naturwissenschaften, wie der Physiker, Hei-
senberg Freund und Träger des alternativen Nobelpreises H.P. Duerr [1]. Beide Wirklichkeiten sind gegensätzlich und ver-
leihen dem Leben eine doppelte Existenz, zwei Seinsweisen. Das Leben schwingt zwischen diesen beiden Existenzen (siehe z.B. [2], [3]).
Tiefe erreichen
Die Berührung mit den Dimensionen der anderen Wirklichkeit kann wegweisend und sinn-
stiftend sein. In deren Tiefe werden Schlüssel für die persönliche Entwicklung gefunden. Um in die Tiefe der anderen Wirklichkeit zu gelangen, nutzen indianische, afrikanische und australische Stammeskulturen Übergangsriten (-> Stammesriten), in denen die Methoden Nahrungsentzug, Alleinsein, der Wildnis ausgesetzt sein und Schlafentzug verwendet wer-
den [4], [5]. Die gleichen Methoden wurden auch von Jesus, Buddha und Mohammed ver-
wendet und werden es heute noch in den entsprechenden Religionen.
Auch die Visionssuche basiert auf den oben erwähnten und bewährten Methoden. Die Vi-
sionssuche ist ein Ritus, in dem Sie für vier Tage und vier Nächte die Tiefe Ihrer anderen
Wirklichkeit erreichen und erleben können*. Sie begeben sich damit auf eine abenteuer-
liche Innenschau.
Erkenntnisse nach inneren Prüfungen
Allerdings: An die Schlüsselerlebnisse für unsere persönliche
Entwicklung gelangen wir auf dieser Abenteuerreise erst, nachdem die inneren Prüfungen bestanden wurden. Denn das Unbewußte sendet üblicherweise erst einmal recht beirrende Bilder, Fratzenwesen und Ähnliches ins Bewußtsein (siehe
Abb. 3). Dies kann sowohl im Traum als auch am Tag passie-
ren. Das ist die Zeche, die auch viele unserer Vorfahren auf ihrer Reise bezahlt haben.
Erst wenn diese Schwelle aus vielleicht unbequemen und ver-
drängten seelischen Impulsen passiert wurde, gelangen wir an die Schlüssel in Form von Erkenntnissen (siehe Abb. 4). Dann werden die bisherigen Grenzen erweitert und wir können lern-
en, die Welt auch aus einer anderen Perspektive zu sehen. Hier, in der Tiefe der Psyche, wird der Kontakt zu den inner-
sten Bedürfnissen herstellt, werden klare Ausrichtungen zu ex-
istentiellen Fragen geboren, findet eine Neuorientierung statt. Damit gehen Sie in den Alltag und in die Gemeinschaft zurück.
Wenn Ihr inneres Bild klar ist, werden
Sie Wege finden, um das Neue in Ihrem Leben zu verwirklichen. Die Umsetzung wird durch Ihre eindeutige innere Aus-
richtung und Ihre rituell bekräftigte Ent-
schlossenheit getragen.

*Neurowissenschaftlich bedeutet dies: Im Gegensatz zum normalen Wachbewußtsein
bei einer Gehirnwellenfrequenz der β-Wellen zwischen 13 und 30 Hertz, werden Sie sich
bei der Visionssuche immer wieder in außer-
gewöhnlichen Bewußtseinszuständen im Fre-
quenzbereich der θ-Wellen zwischen 4 - 8
Hertz befinden. Dort setzt das analytische Denken aus und wird durch eine hohe Präsenz der Gegenwart ersetzt [4].
Literatur
[1]      H.P. Duerr. „Auch die Wissenschaft spricht nur in Gleichnissen“, Verlag Herder Freiburg, 16-17           (2004).
[2]     M. Eliade, "Das Heilige und das Profane", Insel Taschenbuch, Frankfurt (1998).
[3]     V. Sommer, "Feste, Mythen, Rituale (GEO)", Gruner + Jahr, Hamburg, 35 (1992).
[4]     S. Koch-Weser, G. v. Lübke, "Vision Quest", Ariston-Verlag, Engerda, 147-166 (2000).
[5]     A. van Gennep, "Übergangsriten - Les rites de passage", Campus Verlag, Frankfurt, (2005).