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Persönlicher
Bericht
Ein Mann, 42 Jahre alt, Führungskraft
in einem kleinen Betrieb, geht auf Visionssuche, um
seinen Junggesellenstatus zu verabschieden:
"Die klare, einfache Schönheit
der Natur beginnt mich zu verwandeln, ich werde einfach.
Stundenlang sitze ich nur da und sehe, ohne etwas anzusehen,
trinke Wasser, fühle mich vom Fasten schwächer
werden, bemerke plötzlich, dass ich aufgestanden bin
und um-
herwandere, sehe den Wolken beim Werden und Vergehen zu,
beobachte, wie Gedanken-
fetzen auftauchen, einzelne Worte und Töne, die sich
plötzlich zu einem kleinen Lied formen, das ich in
den nächsten Tagen immer wieder vor mich hin singe.
Plötzlich bleibe ich stehen und rede mir laut und zornig
einen Ärger von der Seele, dessen Lebendigkeit ich
lange nicht mehr wahrgenommen habe. Da es keine Zeugen gibt,
vergesse ich, mich zu verstellen - da es nichts zu tun gibt,
werde ich ziellos - da ich den Willen zu nichts ge-
brauche, geschieht einfach etwas aus mir heraus. Irgendwann
falle ich unversehens in die offensichtliche Sinnhaftigkeit
und Zwecklosigkeit des Naturgeschehens und lache vor Stau-
nen. Innere und äußere Natur erweisen sich als
dieselbe. Für Augenblicke erlebe ich Ge-
wißheit, dass ich jenseits von erdachtem Sinn und
gesellschaftlichen Zwecken einfach da bin wie ein Baum,
ein Stein, eine Blüte, ein Mensch, eine Eidechse. Und
bald darauf ist dieser Augenblick schon wieder kostbare
Erinnerung.
Doch hat er etwas angestoßen, das wachsen will und
wird. Ständig wird die innere Absicht, mit der ich
rausgegangen bin, in mir bewegt. Die Bäume geben Baumwissen
dazu, die Stei-
ne Steinwissen und die Nacht Sternwissen. Ich finde heraus,
dass ich mit wilden Brom-
beeren anders reden kann als mit toten, vom Höhenwind
geschliffenen Wurzeln. Wie von selbst finde ich kleine Zeremonien,
die meiner Verbindung mit den Pflanzen, Tieren, Stei-
nen, mit Wind, Sonne und Wasser eine ehrerbietige, freundliche
Form geben.
Die rituelle Haltung hilft mir auch, auf neue Weise freundlich
und klar mit mir über mich zu reden. Ich spüre
deutlich, wie eine verbindliche äußere Gestalt
alte Gewißheiten ehrt und bekräftigt und neuen
Erfahrungen und Erkenntnissen größere Gültigkeit
und Bedeutsamkeit verleiht. Oder auch nicht. Wo nicht, finde
ich mich in Erstarrung und Einbildung befangen, oder so
sehr am Anfang, dass die Kraft noch nicht trägt. So
oder so - die kleinen, im Moment gefundenen Rituale sind
ein Prüfstein für Echtheit, sie machen mir die
Welt zum Zeugen und geben Gelegenheit, ihr Dank zu sagen.
Sie lassen mich in ihrer schlichten Feierlichkeit und in
ihrem gelegentlichen Humor die Dankbarkeit für mein
Leben fühlen.
In der letzten Nacht werde ich wachen. Der Tag vergeht mit
der Errichtung des Steinkrei-
ses, in dem ich sitzen und den ich von Sonnenuntergang bis
Sonnenaufgang nicht verlassen werde. Die Steine, Holzstücke,
Federn, die ich aufgehoben habe, der Schlafsack, die Was-
serflasche bekommen ihren Platz. Eine Hand voll Zweige liegt
bereit, im Laufe der Nacht will ich drei selbstschädigende
Gewohnheiten verbrennen. In der Abenddämmerung gehe
ich hinein und lege den letzten, den Tür-Stein, hinter
mir in den Kreis.
In der Nacht wird es kalt, ich gehe stundenlang in dem engen
Steinkreis herum, singe und rede laut. Wieder und wieder
und wieder spreche ich meine Absicht aus, horche auf eine
eindeutige Antwort oder schaue unverwandt in die tiefe Dunkelheit,
ob sich dort ein Bild formt. Nichts. Kurz vor Sonnenaufgang
wache ich auf. Ich hatte mich zum Ausruhen hin-
gesetzt, den Kopf hängen lassen und auf innere Bilder
geachtet. Darüber bin ich, ohne es zu merken, im Sitzen
eingeschlafen. Jetzt sind meine Beine steif und mein Hintern
eiskalt. Schlagartig erinnere ich mich an eine Traumszene.
Sie enthält eine Antwort, die unsen-
sationell und einfach ist wie all der äußere
und innere Reichtum, den ich in diesen Tagen erfahren habe.
Eine klare Wegweisung, keine Gebrauchsanweisung. Die Sonne
geht auf, ich freue mich am Licht, an den Farben, bringe
die Steine meines Kreises an ihren Platz zurück, löse
mein Lager auf, verwische alle Spuren. Nach dem nächsten
Regen soll nichts daran erinnern, dass ich jemals hier gewesen
bin. Was wesentlich war, trage ich innerlich mit. Dann breche
ich auf, um die anderen zu treffen, die wie ich noch und
nicht mehr die selben sind."
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