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Alte
Stammesriten
Dr. Joachim
Göhl |
Einführung
Ein Ritus bezeichnet symbolische Handlungen wie
z.B. das Händeschütteln oder die Verneigung
beim Gruß. Solche Ri-
ten haben soziale Funktionen. Die Wirkung von
Riten ist
von der Wissenschaft anerkannt. Wird ein Ritus
bewußt
und absichtsvoll durchgeführt, dann kann
es ein machtvol-
les Instrument der Veränderung sein. In diesem
Fall ist der Ritus ein auf ein Ziel abgeschossener
Pfeil, der auf die Tie-
fenstrukturen der Psyche wirkt.
Übergangsriten führen Menschen wirksam
von einem alten
Lebensabschnitt in den nächsten, reiferen
Lebensabschnitt. Sie werden weltweit von alten
Stammeskulturen genutzt,
u.a. beim Statuswechsel in die Erwachsenenrolle,
den Beruf, die feste Partnerschaft, die Elternschaft
oder bei der Tren-
nung vom Partner. In diesem Zusammenhang möchte
ich
den Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela
(s. Bild rechts) erwähnen, der auf diese
Weise im Alter von 16 Jahren zum Mann initiiert
wurde [1].
Im Folgenden werden als erstes alte Übergangsriten
aus
Stammeskulturen anhand von fünf ausgewählten
Beispielen
beschrieben. Abschließend wird der Nutzen
dieser Riten
erläutert. |
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1. Apachen,
Lakota - Einweihung in sich selbst
Als erstes Beispiel sei die indianische Visionssuche
erwähnt, bei der sich der Mann oder
die Frau unterschiedlichen Alters über einen Zeitraum
von meist drei bis fünf Tagen und Nächten
alleine, ohne Nahrung und meist auch ohne Wasser zu
sich zu nehmen, in die Wildnis zurückzieht. Ziel
ist eine Selbsteinweihung durch ein Gespräch mit
der "eigenen Tiefe".
Je nach Lebenssituation steht vielleicht eine Vision
für den zukünftigen Lebensweg im Vordergrund:
Als Beispiel sei die Visionssuche des Apa- |
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chen "Stalking Wolf" erwähnt,
deren Deutung seinen zu-
künftigen Lebensweg als Scout und Schamane
bestimm-
te [2]. Das Ziel kann aber auch sein, wie der
Lakota - Medizinmann Black Elk sagte, eine Erfahrung
besser verstehen zu können, sich auf eine
große Anstrengung vorzubereiten oder das
Einssein mit allen Dingen zu er-
kennen [3].
2. Apachen -
Einweihung zur Frau
Mit Hilfe von Übergangsriten werden bei
den Apachen Jun-
gen ins Mannsein und Mädchen ins Frausein
eingeweiht.
Die Pubertätszeremonie "sunrise dance"
der Apachen
zur Einweihung von Mädchen in Arizona erstreckt
sich
über einen Zeitraum von 4 Tagen (Bild,
rechts).
Das ganze Dorf umringt das Mädchen bei
diesem Ritus
und tanzt sie in Ihre Adoleszenz. Der gelbe
Blütenstaub verheißt Fruchtbarkeit
[4]. Im Vergleich dazu unterschei-
det sich die Einweihung vom Jungen zum Mann
deutlich:
In dieser Prozedur werden die Jungen über
mehrere Ta-
ge alleine und ohne Nahrungsmittel in der Wildnis
ausge-
setzt und anschließend von Ältesten
unterwiesen.
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3.
Massai - Einweihungen zum Mann, Krieger und Ältesten
Bei den ostafrikanischen Massai werden die männlichen
Initianden in einem einmonatigen Übergangsritus
ins Mannsein eingeweiht. Zur Verstärkung des
Ritus werden die Prüflinge zunächst eingeschüchtert
(Bild, unten links).
Im Anschluß daran werden sie beschnitten und,
isoliert von der Gesellschaft, in die Tech-
nik des Jagens, des Gesangs und des Maskentanzes initiiert
[5].
In ihrem weiteren Leben erfolgen verschiedene Einweihungen
mittels Übergangsriten:
a) Der Statuswechsel zum "Junior-Krieger"
und anschließendem, langjährigem Aufenthalt
in einem Militärcamp.
b) Der Wechsel zum "Senior Krieger" etwa
zehn Jahre später. Als Senior-Krieger ist es
dann erlaubt, eine Frau zu
heiraten.
c) Drei weitere Alterseinweihungen, von denen die
letzte den Status als "Ältester" (Bild,
unten rechts) manifestiert.
Dann erhalten die Männer erstmalig die volle
Verantwor-
tung für ihre eigene
Familie und dürfen in ein eigenes Haus ziehen.
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Ich möchte darauf
hinweisen, dass schmerzhafte oder gewalttätige
Methoden in keinerlei
Verbindung zur Visionssuche stehen.
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4.
Xhosa - Einweihung zum Mann
Der Nobelpreisträger Nelson Mandela wurde als 16-jähriger
in der südafrikanischen Xhosa-
Tradition im Rahmen eines Übergangsritus zum Mann
geweiht [1]: Dabei wurde er mit 25
weiteren Initianden zwei Monate lang von der Gesellschaft
isoliert. In den ersten Tagen mußten sie sich
der schmerzhaften Prozedur der Beschneidung unterziehen,
die restliche Zeit diente als spirituelle Vorbereitung
auf das zukünftige Leben als Mann. Erst mit dieser
Einweihung gilt ein Xhosa als Mann, darf heiraten und
Stammesriten leiten.
5. Yao - Einweihung
zur Frau und Mutter
Aus China ist ein vierstufiger Übergangsritus für
Mädchen aus dem Yao - Volk bekannt. In der ersten
Stufe vom etwa achten Lebensjahr bis zur ersten Menstruation
erhalten die ge-
sellschaftlich isolierten Mädchen sexuelle Unterweisungen,
erlernen erotische Tänze, ihre Schamlippen werden
erweitert und sie werden verheiratet. Die zweite Stufe
findet in der Zeit der Erstmenstruation statt und besteht
aus einem Unterricht in "Menstruationstabus".
Die dritte Stufe findet anläßlich der ersten
Schwangerschaft statt: Ab dem sechsten Monat wird dabei
die Frau isoliert und in "Schwangerschaftstabus"
unterrichtet. Die vierte Stufe findet ab der Niederkunft
statt und endet, wenn das Kind sechs oder sieben Monate
alt ist. Dann erst darf der Ehemann mit der Frau wieder
sexuell verkehren [5].
Nutzen für Gesellschaft
und Initiand
Wie aus den oberen Beispielen ersichtlich ist, beinhalten
Übergangsriten meist anspruchs-
volle Prüfungen wie Nahrungsentzug, Alleinsein,
der Wildnis ausgesetzt sein, Schlafentzug und manchmal
auch Einschüchterungen und schmerzhafte Beschneidungen.
Die Prüfungen haben in diesen Gesellschaften Sinn:
Es wird geprüft, ob dem Initianden der neue Status
zusteht. Insbesondere aber für den Prüfling
ist das erfolgreiche Bestehen des Übergangs-
ritus von großem Nutzen:
1. Der neue Status ist nun für ihn selber, in der
Tiefe seiner Psyche, manifestiert. Der alte
Lebensabschnitt ist beendet
und die Entwicklungskrise, die meist einen Abschnittswech-
sel begleitet, wird durch den Übergangsritus enorm
gedämpft.
2. Er erhält existentiell wichtige Erkenntnisse
und wichtiges Wissen vermittelt. Dies ge-
schieht üblicherweise über eine Selbsteinweihung
im Zustand des Alleinseins und durch
Einweihung von
Ältesten in Form von Unterweisungen.
3. Der neue Status ist nun gesellschaftlich akzeptiert
und manifestiert.
Literatur
[1] N.
Mandela "Der lange Weg zur Freiheit", Spiegel-Verlag,
Hamburg, 39-44 (2006).
[2] Tom Brown, "A.
Native Americans`s Lifelong Search for Truth and Harmony
with Nature", The Berkeley
Publishing Group, New York (1993).
[3] S. Koch-Weser, G. v.
Lübke, "Vision Quest", Ariston-Verlag,
Engerda, 122-166 (2000).
[4] V. Sommer, Feste, Mythen,
Rituale (GEO), Gruner + Jahr, Hamburg, 186-245 (1992).
[5] A. van Gennep, "Übergangsriten
- Les rites de passage", Campus Verlag, Frankfurt,
(2005). |
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