Wurzeln und Entwicklung der westlichen Visionssuche

Dr. Joachim Göhl
Universale Struktur
Die Inhalte und Methoden der vielen Übergangsrituale sind, wie anhand des Kapitels
-> Stammesriten verständlich wird, von der jeweiligen Kultur abhängig. Der Ethnologe A. van Gennep erkannte aber schon vor etwa 100 Jahren, dass die Übergangsrituale von Stämmen weltweit eine übereinstimmende, dreiphasige Abfolgeordnung aufweisen [1]:

1. Ablösung aus dem Alltag und dem alten Status.
2. Schwellen- oder Übergangszeit mit den Grenzerfahrungen.
3. Wiedereingliederung und Aufnahme in die neue Rolle.

Es ist davon auszugehen, dass Übergangsrituale mit dieser universalen Grundstruktur von der menschlichen Psyche als "Lebensabschnittswechsel" verstanden werden und unabhängig von der Kultur wirken.
Bewährtes aus Stammesriten
Die Visionssuche wurde in den 70er Jahren von
dem Psychologen S. Foster und seiner Frau M.
Little entwickelt. Diese entnahmen drei alte, bewährte Elemente aus Stammesriten:
1. Die Methoden Nahrungsentzug, Alleinsein, der
    Wildnis ausgesetzt sein und Schlafentzug, die
    sich in Stammeskulturen bzw. in Weltreligio-
    nen bereits bewährt haben -> Innenschau
2. Der Teilnehmer findet Erkenntnisse durch sei-
    ne Innenschau in der Tiefe seiner eigenen Psy-
    che, er weiht sich selbst ein.
3. Die universale Grundstruktur "Ablösung -
    Schwellenzeit - Wiedereingliederung" der alten
    Übergangsriten.
Weiterentwicklung der alten Riten
Im Gegensatz zu den Stammesgesellschaften ist
die westliche Gesellschaft nicht traditionsgebun-
den. Rituelles Wissen unserer Vorfahren, Kelten
und Germanen, ist deshalb weitgehend verloren-
gegangen.
Um die Visionssuche auf Bedürfnisse der west-
lichen Gesellschaft zu adaptieren, führten Foster
und Little drei Neuerungen ein:
1. In der Vorbereitungszeit wird das für die Selbst-
    einweihung notwendige rituelle Wissen vermit-
    telt.
2. Die Inhalte der Veranstaltung sind unabhängig
    von Traditionen, Konfessionen oder Ideologien.
3. Einen hohen Sicherheitsstandard.
Heutige Visionssuche
Auf Visionssuche gehen Männer und Frauen vier Tage und vier Nächte alleine, ohne Nah-
rungsmittel aber mit genügend Wasser in die Wildnis. Mit Vor- und Nachbereitung ergibt sich eine Veranstaltungsdauer von typischerweise 10 Tagen.
Tausende von alten und jungen Menschen in den USA und Europa sind in den letzten zwei Jahrzehnten auf Visionssuche gegangen. Es hat sich gezeigt, dass es für Menschen der west-
lichen Gesellschaft leicht ist, die Visionssuche anzunehmen.
Literatur
[1]      A. van Gennep, "Übergangsriten - Les rites de passage", Campus Verlag, Frankfurt, (2005).